Kapitel I

Neue Bekanntschaften und alte Feinde

 

Leonie stand vor einem ziemlich alten, windschiefen Gebäude.

Dies also war ihr neuer Arbeitsplatz.

Sie hatte ihn sich doch etwas anders vorgestellt. Ein modernes Gebäude, groß, auffällig, vielleicht wie ein richtiges Krankenhaus. Nun stand sie vor diesem Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert und konnte sich kaum vorstellen, dass hier die Notfallambulanz der Insel Fehmarn sein sollte.

„Na dann.“ murmelte sie und Schritt entschlossen auf den Eingangsbereich zu. Die Türen öffneten sich automatisch und als Leonie die Notfallambulanz Fehmarn betrat, wurde ihr klar, dass das Sprichwort vom ersten Eindruck hier nicht zutraf. Ein heller, freundlicher Eingangsbereich empfing die Patienten und nun auch Leonie. Der Raum war modern ausgestattet, mit einem gemütlichen Warte- und einem freundlichen Empfangsbereich. Überall an den Wänden hingen Fotografien von der Insel, gaben die Atmosphäre des Ostseeeilands in voller Schönheit wieder. Hinter der Anmeldung saßen zwei junge Frauen, die Leonie freundlich entgegen blickten.

„Können wir ihnen helfen?“ fragte eine der Beiden. Sie war mittelgroß, kräftig, hatte freundliche dunkle Kulleraugen und eine energische  Stimme.

„Mein Name ist Leonie Groth.“

„Aha, die neue Ärztin“ kam es zurück. Leonie stutzte als die junge Frau mit Schwung den Bürostuhl nach hinten schob, aufstand und zu ihr trat. „Na dann herzlich willkommen.“

Eine Hand streckte sich Leonie entgegen und sie wurde das Gefühl nicht los, dass ein wenig Mitleid in dem durchaus freundlichen Sprüchlein versteckt war. Die Sprechstundenhilfe bemerkte wohl Leonies Zögern und fügte daher schnell hinzu: „Schön, dass sie da sind. Da werden die Anderen heilfroh sein, dass sie doch schon eher konnten. Ach, wie unhöflich von mir. Darf ich vorstellen: Das ist Katja, ich bin die Andrea. Wir sitzen hier vorn an der Anmeldung, wie sie ja schon gesehen haben und übernehmen die erste Betreuung der Patienten. Sie können uns übrigens duzen, das tun die anderen Doktoren auch. Dummerweise ist der Chef gerade zum Einsatz. Aber unser Chirurg, Dr. Uli Rothmann, ist im Haus. Kommen sie, ich bring sie zu ihm.“  Leonie schaute ihr Gegenüber mit erstaunten Augen an, fragte sich, wann die junge Frau wohl Luft holen würde, wollte diesbezüglich gerade eine Bemerkung loswerden, als sie auch schon von Andrea am Arm bepackt wurde und in Richtung der Behandlungsräume gezogen wurde. Völlig überrumpelt folgte Leonie ihr bis sie vor einer verschlossenen Tür standen. Andrea hob bedeutungsvoll die Augenbrauen als sie an die Tür klopfte.

„Ja!“ Eine dunkle, recht ungehaltene Stimme ließ sich vernehmen. 

„Uli, die neue Kollegin ist da. Kommen sie Frau Groth!“ Die Sprechstundenhilfe schob Leonie in das Büro, wo ein Mann mit dem Rücken zu ihr an einem Schreibtisch saß. Er machte sich nicht die Mühe, aufzusehen, geschweige denn, sich umzudrehen. Verwirrt stand Leonie mitten im Raum, hörte hinter sich die Tür zuschlagen. Andrea hatte sich aus dem Staub gemacht. Leonie traute sich kaum Luft zu holen. Wieder stand sie da, wie ein begossener Pudel. Dabei hatte sie sich doch geschworen, sich resolut und selbstbewusst der neuen Arbeit zu stellen. Warum auch immer verließ sie jetzt der Mut. Ihr Gegenüber machte noch immer keine Anstalten sich umzudrehen. Unschlüssig schaute sie sich um, entschied sich dann, die Flucht nach vorn zu machen.

„Ähm, entschuldigen sie, dass ich so unangemeldet hier hereinplatze. Ich bin schon einen Tag früher gekommen. Dr. Undern schrieb, dass das durchaus im Sinne der Belegschaft wäre!“  begann Leonie zaghaft. .

„Hmja, schon gut.“ brummelte ihr Gegenüber. Er schien in seiner Arbeit vertieft, doch dann legte er die Akte, die er studiert hatte, bei Seite und drehte sich um.

Leonie stockte das Blut in den Adern. Und auch ihr Gegenüber bekam für einen Augenblick große Augen.

„Dr. Macho!“ rutschte es Leonie heraus, während der Arzt von seinem Stuhl aufsprang und ein ungläubiges „Sie?!“ ausstieß.

Vor ihr stand der Arzt, wegen dem sie vor vier Jahren ihren Job am Unfallkrankenhaus Hamburg aufgegeben hatte. Dr. Dr. Ulrich Rothmann, Unfallchirurg und Oberarzt der Notaufnahme des Unfallkrankenhauses Hamburg.

Von allen Assistenzärzten kurz nur „Dr. Macho“ genannt, weil er sich wie ein ebensolcher ihnen gegenüber benahm, vor allem den Assistenzärztinnen. Einige mehr wie unangenehme Erinnerungen an diese erste Zeit ihrer Assistenzzeit in der Notaufnahme des UKH, kamen ihr in den Sinn. Warum war ihr der Name nicht schon vor der Tür am großen Schild aufgefallen?

 

 

Während Leonie versuchte, ihre wild durch den Kopf jagenden Gedanken Herr zu werden, konnte sich ihr Gegenüber ein Grinsen nicht verkneifen.

„Na da schau her. Frau Gräfin gibt sich die Ehre! Was führt Sie in diese abgelegen Gegend?“ brach er schließlich wenig galant das Schweigen.

„Offensichtlich verwechseln sie mich mit jemand. Mein Name ist Leonie Groth!“ antwortete Leonie schlagfertig mit funkelnden Augen.

„Ach wirklich?“ Der Arzt legte überlegend den Kopf auf die Seite ohne Leonie dabei aus den Augen zu lassen. „Ich hätte wetten können, wir kennen uns aus dem UKH.“

„Na die Wette hätten sie wohl haushoch verloren!“ rutsche es Leonie triumphierend heraus.

„Sie sind recht forsch, Frau Kollegin.“ Dr. Rothmann schürte die Lippen, musterte die junge Frau vor sich eingehend.

Leonie spürte, wie sie vor Verlegenheit rot wurde, murmelte wütend: „Idiot!“

„Naja, mal sehen ob sich nur ihr Mundwerk weiter entwickelt hat, oder der Rest auch!“ Die bissige Bemerkung wurde durch einen ironischen Blick des Arztes noch verstärkt. Er hatte sich gerade aufgerichtet, zeigte sich in seiner ganzen, nicht zu leugnenden Imposants.

In Leonie jedoch kochte es vor Wut. Sie musterte den Mann, der ihr schon im Unfallkrankenhaus Hamburg mehr wie nur Respekt eingeflößt hatte. Er war ihr zuwider gewesen mit seiner selbstherrlichen Art, welche durch die chirurgische Arroganz noch unterstrichen wurde. Nicht noch einmal würde sie mit einem solchen Fatzke zusammenarbeiten. Vielmehr würde sie auf dem Absatz kehrt machen und gehen.

„Mir scheint, ich hab die falsche Entscheidung getroffen. Der Arbeitsvertrag ist zum Glück noch nicht unterschrieben. Auf Wiedersehen.“ erklärte sie mit resoluter Stimme, drehte sich um und ging aus dem Raum, ließ einen sichtlich verdutzten Arzt stehen. Entschlossenen Schrittes marschierte Leonie den Flur entlang, als sie hinter sich etwas Poltern hörte und vor sich mehrere Männer durch die Eingangstür treten sah.

„Hey Barney. Die neue Kollegin ist schon da, hinten bei Uli. Kannst direkt durchgehen, im Moment ist nichts los.“ erklärte Andrea sofort dem ersten der drei Männern, der ein wahrer Hüne war, mit ungewöhnlich rotem Lockenkopf und gleichfarbigem Vollbart.

„Das ist doch mal eine gute Nachricht.“ brummte er zufrieden, warf seine Notarztjacke Andrea in den Arm, schritt dann auf Leonie zu und bevor sie überhaupt reagieren konnte, stand der Hüne vor ihr. Sie schaute zu ihm hoch, war er doch an die zwei Meter hoch und sie nur knapp 1,60 Meter.

„Moin Moin. Dr. Andern, kurz Barney genannt. Wie ich höre haben sie schon Bekanntschaft mit einem ihrer neuen Kollegen gemacht.“ erklärte der Arzt ohne Umschweife und reichte ihr die Hand, die Leonie nahm und sogleich erklärte: „Allerdings ja. Und ich muss ihnen mitteilen, dass ich.......“

„.......dass sie hocherfreut ist, uns kennenzulernen.“ Der besagte Kollege stand hinter ihr und beendete den Satz. Leonie schaute entgeistert zu ihm hinauf, denn auch er war etwa so groß wie sein Kollege, während er sie mit einem breitem Grinsen bedachte.

„Das wollte ich nicht sagen. Ich wollte sagen das ich auf keinem Fall.....“

„... eine unüberlegte Entscheidung treffen werde!“ unterbrach der Arzt sie abermals, nun mit ernstem Gesicht.

„Nein verdammt. Darf ich einmal aussprechen, ohne dass sie ihren Senf dazu geben müssen?“ donnerte nun Leonie ihrerseits wütend Uli entgegen. Barney hatte verblüfft ihre Hand losgelassen, hörte nun sichtlich amüsiert dem Wortgeplänkel zu.

„Ich nehme an, ihr kennt euch, sonst würdet ihr doch nicht so herzlich miteinander umgehen?“ bemerkte er dann trocken.

„Nein, auf keinen Fall.“ rief Leonie entrüstet und Uli Rothmann erklärte gleichzeitig: „Und ob ich die junge Dame hier kenne!“

 

„Also nun mal langsam Kollegen. Ich brauch jetzt erst mal einen Kaffee. Kommt.“ Barney schob die beiden Kampfhähne vor sich her in einen großen, mit alten Bauernmöbeln gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum, wo ein weiterer Kollege, in dessen Gesicht ein schiefes Grinsen lag, schon fünf Becher mit dampfenden Kaffee hingestellt hatte.

„Ich trinke keinen Kaffee, danke.“ Leonie setzte sich genervt auf den ihr angebotenen Stuhl.

„Tee, türkisch wenn`s geht.“ warf Uli todernst ein. Leonie hätte ihm am liebsten den vollen Pott Kaffee an den Kopf geworfen.

„Ähm, klärt mich mal jemand auf?“ fragte Barney vorsichtig nach, während der Schiefgrinsende sich angestrengt auf die Lippen biss.

Leonie warf ihrem ehemaligen Vorgesetzten einen bitterbösen Blick zu, doch der zeigte mit einer galanten Handbewegung auf sie, dabei breit lächelnd.

„Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, Dr. Andern, dass ich unter den gegebenen Umständen hier nicht arbeiten kann und will!“ erklärte sie schließlich.

„Ach!“ rutsche es Barney nur erstaunt heraus.

„Mal wieder schnell weg?“ bemerkte nun wieder Uli. Leonies Kopf schoss herum, war kurz davor ihm an die Gurgel zu gehen.

Barney warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, wandte sich dann wieder zu Leonie um.

„Sagen sie mal, Frau Groth. Kann es sein das sie unseren von uns allen geschätzten Kollegen Rothmann näher kennen?“

„Näher würde ich nicht sagen. Aber kennen, leider ja. Ich habe mein erstes Assistentenjahr bei ihm in der Notaufnahme des Unfallkrankenhauses Hamburg absolviert.“ beantwortete Leonie die Frage mit böse funkelnden Augen. 

„Ach?“

Uli hatte seinen Freund Barney selten so Wortlos erlebt, daher erklärte er: „Damals hieß die junge Dame aber nicht Leonie Groth, sondern...“

„Leonore von Groth.“ unterbrach Leonie nun ihrerseits. Uli runzelte überlegend die Stirn.

„Gräfin oder Baronin, was war es noch gleich?“ fragte er mit einem ironischen Grinsen.

„Weder noch.“ zischte Leonie, als Barney plötzlich schallend anfing zu lachen.

„Na, da haben sich ja zwei gefunden. Also dann Leonie, auf gute Zusammenarbeit.“ Barney hob symbolisch seinen Kaffeepott.

„Aber, sie missverstehen. Ich möchte hier nicht arbeiten.“

Plötzlich wurde Ulis Gesichtsausdruck undurchdringlich.

„Passt es wieder mal nicht in ihre Vorstellung von ‚....dem Menschen helfen‘?“

Leonie schnappte hörbar nach Luft.

„Meine Ideale gehen sie einen Scheißdreck an!“  fauchte sie wütend.

„Nun lasst es man gut sein. Ich habe ihre Empfehlungen gelesen, Frau Kollegin, und bin überzeugt, dass sie eine Bereicherung für unser Team sind. Ihren kleinen Disput mit dem Kollegen Rothmann werden wir schon wieder hin bekommen.“ Barneys dunkle Stimme ließ Leonie verstummen, während er Uli mit einem für Leonie nicht zu deutenden Blick anschaute. Dieser hob nun ergebend die Arme. Im gleichen Moment ging die Tür auf und ein weiterer junger Mann trat in den Raum. Zum ersten Mal, seit die junge Ärztin die Ambulanz Fehmarn betreten hatte, ging ein strahlendes Lächeln durch ihr Gesicht und ihre blauen Augen leuchteten auf. Uli schaute völlig perplex auf die junge Frau, die aufsprang und den gerade in den Raum Getretenen herzlich begrüßte.

„Joe!“

„Leonie! Hab deinen Wagen draußen gesehen. Mensch du bist schon da! Schön dich zu sehen!“ Die beiden vielen sich stürmisch in die Arme. Joe wurde die dummen Gesichter seiner Kollegen gewahr und bemerkte grinsend: „Na, da hast du es ja schon direkt mit der geballten Ladung an Kollegen zu tun gekriegt.“

„Allerdings! Darf ich fragen wo du zu meiner Unterstützung warst?“ kam es vorwurfvoll von Leonie zurück. Joe grinste nur breit.

„Ich glaube wir müssen die junge Dame erst noch davon überzeugen, hier zu bleiben.“ warf Barney ein wenig zweifelnd ein.

„Nun ja, das kann ich mir schon denken.“ brummte da Joe und ergriff den letzten Kaffeepott. Leonie musterte ihn mit ernster Miene, doch bevor sie etwas erwidern konnte, ergriff Barney wieder das Wort.

„Na, dann werde ich dir als Entscheidungshilfe die Bande hier mal vorstellen. Unseren Rettungsassistenten kennst du ja.“ Barney blickte zu Joe. „Und Uli, unseren Chirurgen ja wohl ebenfalls.“ fuhr er grinsend fort. „Das ist Uwe!“ Barney deutete auf  den jungen Mann, der sich die gesamte Zeit bemühte hatte, nicht lauthals los zu lachen. Er war erheblich kleiner als seine Kollegen, hatte einen wilden Wuschelkopf und ein niedliches, beinahe noch kindliches Gesicht mit sanften Zügen. Leonie reicht ihm die Hand, während Barney weiter erklärte: „Uwe ist unser Mädchen für alles, wie wir immer scherzhaft sagen. Er ist Allgemeinmediziner und hat die typische Hausarztstellung inne. Daneben ist er ebenso wie Uli und ich Rettungsmediziner. Für die chirurgischen Angelegenheiten ist Uli zuständig und die Orthopädie ist mein Fachgebiet.“

Während Barney sich und die beiden Kollegen vorstellte, beobachtete Uli die Neue verstohlen. Die junge Frau die da vor ihm saß, war nicht die Ärztin, die er von früher kannte. Noch vor sechs Jahren war sie klein, schmal, beinahe linkisch gewesen, ohne Selbstvertrauen. Und heute? Sie war immer noch klein, ohne Zweifel, hatte aber inzwischen einen kräftigen Körperbau, ausgeprägte Muskel, die auf eine Sportlerin hindeuteten. Außerdem schien ihr Selbstbewusstsein mächtig gestiegen zu sein. Und sie hatte eine fast bis zum Po reichende, blond wallende Haarmähne, die sie nur mit  schmalen goldenen Spangen an den Seiten hochgesteckt hatte. Uli war unangenehm angenehm überrascht. Dann wandte er sich Joe zu, dem überaus schweigsamen Rettungssanitäter, der zu Ulis Erstaunen einen richtig fröhlichen Gesichtsausdruck zur Schau trug, wo er sonst doch immer recht einsilbig und zurückhaltend war. Doch Leonie gegenüber zeigte er eine Vertrautheit, die Uli tief in seinem Inneren traf, was ihn noch wütender machte, weil er sich diesen Umstand nicht erklären konnte.

Auch Barney bemerkte die Veränderungen an Joe und Leonie. Er wusste, das sich beide von früher kannten und überlegte, ob die ernste Miene die Joe zur Schau trug, nicht täuschte, ob er neben seinem Pferdeschwanz nicht auch den Schalk im Nacken hatte, denn nun grinste er verschmitzt zu Barney hin, der auf Leonie deutete und erklärte: „Das also ist unsere Kollegin, die auf Joes Empfehlung zu uns gekommen ist. Leonie Groth.“ Barney grinste breit und fügte ein wenig bissig hinzu: „Unter diesem Namen hat sie sich zumindest hier vorgestellt. Leonie ist unsere neue Internistin und Rettungsmedizinerin. Ich mein, wenn du nun bleibst?“

Für einen Moment trat Stille ein. Leonie musterte jeden einzelnen der Kollegen. Barney, den sie von vielen Gesprächen her kannte, Micha, der sie noch immer schief angrinste und Joe, einen der wenigen wirklichen Freunde, die sie jemals gehabt hatte. Und zuletzt Dr. Dr. Rothmann. Er fixierte sie noch immer mit seinen dunklen Augen, unverhohlen und kritisch.

Leonie überlegte, nickte dann und erklärte: „Also gut. Ich bleibe - vorerst. Nach der Probezeit werde ich mich endgültig entscheiden.“

„Abgemacht. Drei Monate Probezeit.“ erklärte Barney sofort erfreut, doch die junge Ärztin schaute ihn entgeistert an.

„Ich dachte eigentlich an ...“ Leonie erkannte die schelmisch durch den roten Haarschopf aufblitzenden Augen, nickte dann ergebend.

„Also gut. Drei Monate!“

Barney reicht ihr erfreut die Hand.

„Dann auf gute Zusammenarbeit. Wenn du willst kannst du dich direkt häuslich einrichten. Das mittlere Sprechzimmer ist frei. Joe?“

„Komm Leonie, ich zeig dir deine neue Bleibe.“ Joe machte eine einladende Handbewegung und Leonie folgte ihm, verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von den anderen.

Uwe stellte seinen Kaffeepott auch ab und erklärte: „Muss weitermachen. Sonst läuft das Wartezimmer gleich über.“

„Wir kommen sofort.“ brummte Barney, doch als sich die Tür hinter Uwe geschlossen hatte, beugte er sich zu seinem Freund Uli, der der neuen Kollegin noch immer nach sah.

„Los, erzähl. Ich platze vor Neugierde, wie ein altes Waschweib!“

Uli schaute auf, lachte dann. „Na das biste auch mindestens!“

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sie kennst?“ bohrte Barney weiter.

„Ich bin über den Namen nicht gestolpert. Ich kenne sie nur als Gräfin von Groth. Sie hat in der Notaufnahme im UKH ein Assistenzjahr absolviert. Soweit ich weiß lebte sie irgendwo in der Lüneburger Heide und kam direkt von der Uni Hannover. Sie brachte viel Ideologie mit und Naivität und brachte mich mehr wie einmal in echte Rage. Man munkelte, dass ihr Vater viel mit Geld gemacht hat. Ob was dran ist, weiß ich nicht. Dass sie ihren Namen geändert hat?“ Uli schüttelte ungläubig den Kopf.

„Wer weiß, vielleicht wollte sie raus aus diesem Verdacht. Sich selbst beweisen. Joe kennt sie übrigens ebenfalls.“

„Woher kennt er sie?“

„Sie hat in Rostock im gleichen Krankenhaus wie er gearbeitet. Er hat sie mir empfohlen. Versuch ihr den Start hier leicht zu machen. Joe deutete an, das in Rostock wohl was nicht ganz in Ordnung war.“

„Und was?“

„Das hat er nicht gesagt.“

„Mhm. Sie hat sich sehr verändert. Vor sechs Jahren war sie eher ein graues Mäuschen. War direkt prädestiniert dazu, immer ins Fettnäpfchen zu treten und sich allen Ärger aufzuladen. So wie vorhin hab ich sie noch nie erlebt. So resolut. Eine niedliche kleine Dame.“ Uli schien gedankenversunken und Barney grinste breit von einem Ohr zum nächsten. 

 

 

 

 

 

Kapitel II

                                                                         

Der Fiesling und die kleine Dame

 

Um Leonie den Einstieg zu erleichtern fuhr Micha die ersten Einsätze zusammen mit ihr. Die Gepflogenheiten auf der Insel waren durchaus anders als auf dem Festland und Fehmarner ein Völkchen für sich. Nach einigen Tagen trafen sich Micha und Barney im Aufenthaltsraum.

„Und, was meinst du. Passt Leonie zu uns?“ fragte er nach, hatte er Leonie doch über die Köpfe seiner Kollegen hinweg eingestellt.

„Egal was da in Hamburg und Rostock gelaufen ist, Leonie ist top.“ erklärte Micha mit Überzeugung.

Barney nickte zufrieden und schon bald fuhr Leonie alleine ihre Einsätze.  

Aber auch die Arbeit in der ambulanten Praxis hatte ihre Tücken, die Leonie mit Einfühlungsvermögen, Verständnis und nicht selten einer Prise Witz überstand. Als der erste Monat rum war, hatte sie für sich eine Entscheidung getroffen. Sie würde bleiben, trotz des Kollegen Dr. Dr. Ullrich Rothmann, der sich zu Leonies Verwunderung erstaunlich zurückhielt. Zwar beobachtete er sie des Öfteren mit einem ironischen Schmunzeln im Gesicht, sagte jedoch nichts weiter. 

Überhaupt herrschte hier eine andere Atmosphäre unter den Kollegen als in einem Krankenhaus. Von Konkurrenzdruck war nichts zu spüren, im Gegenteil arbeitete man Hand in Hand. Auch bei den Arzthelferinnen ging es weitaus herzlicher zu, als in mancher Praxis. Dabei waren hier etliche gute Seelen beschäftigt, die sich im Schichtdienst abwechselten. Neben Andrea und Katja gab es sechs weitere Sprechstundenhilfen, sowie zwei medizinisch technische Assistentinnen. Und man hörte zu Leonies Überraschung selten ein lautes oder böses Wort. Ob es daran lag, dass sich alle duzten und trotzdem den nötigen Respekt vor einander hatten?

 

 

 

Eine Schwäche, die Uli der jungen Ärztin in der Assistenzzeit vorgeworfen hatte, war die Anteilnahme, die sie für viele Unfallopfer empfand. Auch während des Studiums hatte sie immer wieder gehört, man dürfe die Schicksale nicht an sich ran kommen lassen. Doch oft genug gelang ihr dies nicht, vor allem wenn Kinder betroffen waren. Sentimentalitäten waren jedoch in einer Unfallklinik fehl am Platz.

Hier, in der Inselambulanz, war das anders. Nicht nur das sich Arzt und Patient meist seit Jahren kannten, teilweise waren sie auch miteinander befreundet. Leonie viel besonders bei Barney auf, das er oft genug persönlich betroffen war, weil er viele Patienten seit ihrer oder seiner Kindheit kannte. Er zeigte offen Gefühle. Das machte ihn Leonie sympathisch. Auch Kim, seine Frau und ebenfalls Ärztin, hatte diesen für Leonie feinen Zug. Kim freute sich, nun nicht mehr die einzige Frau zwischen all den Kollegen zu sein. Sie war Gynäkologin und hatte im Haus der Ambulanz ihre Praxis. Außerdem war in dem Gebäude noch ein Geburtshaus beheimatet, das sie mit betreute. Leonie lernte bald das riesige Gefüge dieser Gemeinschaft kennen, die nicht nur aus den Ärzten der Ambulanz bestand, sondern weit verzweigt war, wie sie überrascht feststellte. Da war zum Beispiel Jäcky, Barneys Schwester und Frau seines ältesten Freundes Rainer, der seit einem Reitunfall an den Rollstuhl gefesselt war. Jäcky war Psychologin, arbeitete aber nicht als solche, sondern leitete mit ihrem Mann einen Reit- und Turnierstall. Doch schon manches Mal hatte man sie um Rat gefragt, auch Barney, der so weltgewandt scheinende Mann, hatte ihre Hilfe mehr wie einmal in Anspruch genommen. Vor allem bei Rike, der Frau seines Freundes Jan Behringer, dem Arzt für den Leonie hier eingesprungen war. Von Joe erfuhr sie, dass Jan und Kim Geschwister waren. Er erzählte ihr auch die Geschichte von Rike, die auf die Insel gekommen war um hier ihre Vergangenheit zu vergessen, anstatt sich ihr zu stellen. Rike war mehrfach vergewaltigt worden, hatte dadurch ein Kind verloren. Barney hatte es geschafft, sie aus den Mauern der Erinnerung zu befreien, ihr, wie sie selber sagte, ein neues Leben geschenkt, das sie nun mit Jan und dem gemeinsamen Sohn Leon verbrachte.

Außer Rike lebte noch Kati, Rikes  beste und älteste Freundin und ihr Mann Micha, auf dem riesigen Gutshof, das auch ein Gestüt beheimatete, welches die beiden leiteten. Micha war ebenfalls ein alter Freund von Barney und Rainer. Zuletzt kam noch Oli dazu, Reitlehrer und Obermacho, wie Leonie feststellte, und nur von einer Person halbwegs zu bändigen und das war Rike, die er zuweilen Schwippschwester nannte.

Leonie brauchte einige Zeit um aus diesem Durcheinander klare Strukturen zu erkennen. Doch schließlich gelang es ihr. So erfuhr sie auch, dass Jan und Rike mit dem kleinen Leon nach Amerika gereist waren um bei Jäckys und Barneys Verwandten Henry einige Zeit zu verbringen. Jan wollte dort einen weitere Facharzt absolvieren und Rike, die Berufsreiterin war, Einblicke in die dortige Turnierwelt nehmen. Alles fügte sich zu einem großen Bild zusammen, in dem nur Uli störte. Was hatte ihn hier her verschlagen, ihn, der so gar nicht in diese herzliche Gemeinschaft der Freundschaft zu passen schien. Oder war sie voreingenommen? Sie hatte ihn in Hamburg so hart kennengelernt, traute ihm vielleicht keine andere Regung zu.

Uwe und Joe waren da wieder ganz anders. Uwe war Fehmaraner, herzlich, offen, ein heiteres Gemüt. Und Joe kannte Leonie von früher her. Ein ernster Mensch, der immer schon zwei Schritte weiter dachte, als die anderen, dadurch deren Gedanken schon im Voraus wusste. Ein absoluter Verlassmensch. Wenn man ihn brauchte, war er da, ohne Wenn und Aber.

 

 

Barney hatte ihr am Anfang Respekt eingeflößt. Er war so etwas wie der Chef dieser Truppe, auch wenn er es nie offen gesagt hatte. Von den Erzählungen der anderen her wusste sie, das Barney ein sehr tiefgründiger und feinfühliger Mensch war, auch wenn es zuweilen anders erschien. Seinen Spitznamen Barney Geröllheimer hatte er nicht nur, weil er absoluter Fan der Zeichentrittserien „Flintstones“ war, sondern weil er auch mal recht bollerig seine Meinung kundtat.

Doch immer wieder stach Uli aus dem Bild dieser verschworenen Gemeinschaft hervor. Leonie schüttelte heftig den Kopf, als wolle sie diesen Gedanken aus ihrem Gedächtnis wischen. Warum nur befasste sie sich so sehr mit der Person Dr. Dr. Ulrich Rothmann. Eigentlich konnte er ihr doch ziemlich egal sein. Er war und blieb widerlicher Kerl!! Punkt!

Oder doch vielleicht doch nicht? War er wirklich so widerlich oder vielmehr interessant? Schon als sie ihn wiedererkannte, hatte sie eine merkwürdiges Kribbeln im Bauch bemerkt. Seine dunklen, mehr wie ausdrucksvollen Augen, das markante Gesicht mit dem hohen, etwas hervorstehenden Wangenknochen, das dunkle, kurze volle Haar, das einfach nach hinten gekämmt war und oft genug wieder frech in die Stirn fiel. Und dann der Mund, der ihr so oft bittere Worte an den Kopf geworfen hatte und auf dem immer ein leichtes, beinahe ironisches Lächeln lag.  Er rasierte sich schlecht, hatte ständig einen drei Tage Bart, der die wettergebräunte Haut noch betonte. Seine Gestalt war kräftig, zeugte für einen Sportler. Und dann die Größe. Sicherlich, sie war klein, ziemlich klein, aber Uli maß mindestens an die zwei Meter. Er war schlicht und ergreifend - anziehend!

Leonie schüttelte abermals heftig den Kopf, um diesen verrückten Gedanken herauszubekommen. Wie konnte ein Mann, der sie mehr wie einmal gedemütigt hatte, interessant sein.

„Leonie, Leonie, was ist los mit dir.“ schimpfte sie mit sich selbst, als die Tür zum Aufenthaltsraum der Ambulanz aufging und der Mann, über den Leonie die ganze Zeit nachgrübelte, eintrat.

„Selbstgespräche?“ fragte er prompt mit seinem typisch abschätzenden Blick in seinen dunklen Augen.

Leonie zog es vor zu Schweigen, überlegte es sich dann jedoch und erklärte mit süffisantem Ton in der Stimme: „Nein, ich fragte mich gerade nur, wie so ein Fiesling wie du, in einer solchen Umgebung arbeiten und leben kann.“ Sie hörte sich selber die Worte sagen, die ihr so unüberlegt über die Lippen gekommen waren und erschrak.

Uli lachte laut auf. „So - ein Fiesling! Das hat noch keiner zu mir gesagt.“ Er setzte sich ihr gegenüber, lächelte sie versöhnlich an. „Gibst du mir die Möglichkeit, dir zu beweisen, dass ich kein so schlechter Mensch bin, wie es scheint, kleine Dame?“

„Kleine Dame“, auch so ein Ausspruch von ihm, den die anderen inzwischen übernommen hatten. Früher hatte man sie Leo genannt, schlichte Abkürzung ihres Vornamens und dann auch wegen der blonden Lockenpracht. Doch sie musste sich eingestehen, dass ihr „kleine Dame“ wesentlich besser gefiel.

„Und wie willst du das tun?“ fragte Leonie zurück.

„Wie wäre es mit einer Einladung zu einem Konzert!“

„Einem Konzert? Wo? In Hamburg?“

„Nein, hier auf der Insel?“

„Hier?“ Leonie schaute ihr Gegenüber belustigt an, als plötzlich der Alarm losging. Laut und durchdringend schrillte die Sirene. Die beiden sprangen auf, rannten zur Anmeldung.

„Puttgarden, Campingplatz! Ein Familienstreit. Laut Polizeiangaben gibt es eine Verletzte. Uwe und Joe sind anderweitig ausgerückt und Barney ist mit einem Patienten ins Krankenhaus gefahren. Ihr müsst raus.“ erklärte Andrea ohne Umschweife.

 „Okay ich fahre!“ Uli hatte schon seine Notarztjacke gegriffen, als Andrea bemerkte: „Vielleicht solltet ihr beide fahren. Die Polizei hat Kinder erwähnt!“

Ohne einen Antwort von Uli abzuwarten hatte auch Leonie ihre Jacke ergriffen. Uli warf ihr einen kritischen Blick zu.

 

 

„Ich rufe Micha an, er hat heute Bereitschaftsdienst.“ erklärte Andrea schnell, bevor Uli etwas sagen konnte. Sie hatte schon die Nummer des Reiterhofes gewählt, während sie sprach. Micha, der gelegentlich aushalf, meldete sich sofort. Leonie indes hielt Ulis Blick stand, der schließlich zustimmend nickte.

„Also los, fahren wir!“

Wenigen Minuten nach dem Notruf, befuhren die beiden Notärzte den Schotterweg des  Campingplatzes, wo vor einem Wohnwagen Einsatzfahrzeuge der Polizei zu sehen waren. Die Ärzte stiegen aus, als auch schon ein Beamter auf sie zu trat.

„Moin Uli. Ein ausgerasteter Familienvater. Hat die Mutter zusammengeschlagen und lässt uns nicht rein. Die Kinder konnten weglaufen, der ältere –“ der Beamte deutete auf einen Jungen von circa acht Jahren, „hat`s Handy des Vater mitgenommen und uns angerufen. Kollegen versuchen nun den Mann aus dem Wohnwagen zu bekommen, damit wir an die Frau ran können.“ Uli nicke mit verbissenem Gesicht und Leonie stellte fest, dass sie ihn so noch nicht gesehen hatte. Wie auch, es war ihr erster gemeinsamer Einsatz.

„Geht es den Kinder gut?“ fragte sie zu dem Polizisten gewandt.

„Soweit ja. Sind natürlich ziemlich durcheinander die beiden.“

„Wir schauen sie uns mal an.“ Uli berührte Leonie an der Schulter, schob sie in die Richtung der beiden Kinder. Sie saßen bei Nachbarn auf der Hollywoodschaukel, die sie liebevoll umsorgten. Als Uli auf die Gruppe zu trat, machte das Ehepaar bereitwillig Platz.

„Moin Moin!“ grüßte er in typisch norddeutscher Art und lächelte dem beiden älteren Leuten freundlich zu, die sich erhoben, fuhr dann fort: „Wir wollten nur mal sehen, ob es den beiden Helden gut geht. Na, wer von euch hat den die Polizei gerufen?“ Er hatte sich vor die beiden Jungs gehockt, lächelte ihnen aufmunternd zu. Leonie schaute ihren Kollegen mit Erstaunen an. In Hamburg hatte sie ihn nie so reden hören. Der größere, der beiden Jungen hob zaghaft den Arm und sagte leise: „Ich war das. Mama hat mir mal hat mir gesagt, wenn Papa wieder böse wird, soll ich das tun.“

„Du hast eine kluge Mama! War der Papa mit euch auch böse?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Nein, nur mit Mama. Weil sie ihm gesagt hat, das kein Schnaps mehr da ist. Da ist Papa ausgerastet.“

„Na so was. Das ist aber nicht in Ordnung.“ Uli strich dem Jungen beruhigend über das Haar und auch der Kleinere schaute nun nicht mehr ganz so verstört.

„Der Vater ist ein unverbesserlicher Säufer.“ flüsterte die Frau, die die Kinder zu sich genommen hatte, Leonie unauffällig zu. „Es ist nun schon zum zweiten Mal passiert. Beim ersten Mal konnte die Elli sich noch zu uns retten, heute ist das nur den Kindern gelungen. Hoffentlich holen die ihn da bald raus.“

In diesem Augenblick winkte der Polizeibeamte ihnen zu.

„Wir werden jetzt mal nach eurer Mama schauen.“ erklärte Uli den Kindern, die zum Wohnwagen schauten.

„Ich will zu meiner Mama!“ brach es da aus dem Kleineren der beiden heraus. Er war vielleicht fünf Jahre alt, konnte das alles nicht verstehen.

„Gleich. Gleich kannst du zu deiner Mama. Wartet noch einen Moment, ja? Ich rufe euch.“ Uli erhob sich, nickte Leonie zu. Gemeinsam gingen sie zum Wohnwagen der Familie, aus dem in diesem Augenblick der Vater geführt wurde. Schon von weiten roch man die Alkoholfahne.

„Das ist ein Fiesling!“ flüsterte Uli Leonie ins Ohr und zwinkerte ihr zu. Drinnen im Wohnwagen saß die Mutter der beiden Kinder, blutend, aber auf den ersten Blick nicht schwer verletzt. Uli untersuchte die Frau und erklärte dann in einem ruhigen, freundlichen Ton: „Sie haben eine Platzwunde am Auge. Hat ihr Mann sie mit einem Gegenstand geschlagen?“ Die Frau schüttelte den Kopf.

„Er hat mich geohrfeigt und ich bin gegen den Schrank geflogen.“ antwortete sie dann.

 

„Gut!“ Uli untersuchte die Frau weiter erklärte dann: „Wir werden sie mit in die Ambulanz nehmen und vorsichtshalber röntgen, um eine Schädelfraktur auszuschließen. Schaust du mal ob Micha schon da ist?“ Er wandte sich zu Leonie um, die nickte und aus dem Wohnwagen trat, genau in dem Moment, als sich der Ehemann und Vater von dem Beamten, der ihn festhielt, los riss und sich auf seinen ältesten Sohn stürzen wollte. Leonie sprang auf den Mann zu, doch die Beamten waren schneller. Micha war ebenfalls dazu gekommen, hielt Leonie zurück.

„Bist du verrückt. Der macht aus dir Hackfleisch in seinem Zustand.“ Micha schaute sie entgeistert an.

„Wenn der Kerl auf die Kinder los gegangen wäre!“ Wütend schaute Leonie dem Mann, der von den Polizisten wieder zum Einsatzwagen geführt wurde, nach. Uli trat aus der Tür des Wohnwagens, blickte Micha fragend an.

„Alles in Ordnung. Was gibt es?“ winkte dieser ab.

„Vorsichtshalber zum Röntgen. Scheint aber nicht besonders schlimm zu sein.  Vitalzeichen oB.“ erklärte Uli, den Blick noch immer auf Leonie gerichtete. Er hatte sehr wohl mitbekommen, was passiert war.

„Und die Kinder?“ Leonie erwiderte seinen Blick, der teils böse teils besorgt war.

„Die nehm ich mit, können vorne mit sitzen.“ antwortete Micha an Ulis Stelle, der der Mutter half, den Wohnwagen zu verlassen. Er begleitete die Frau zu ihren Kinder, die sofort auf die Mutter zu rannten, als sich der Mann wieder von den Polizisten los riss, um sich auf seine Familie zu stürzen. Leonie wollte gerade einen Sprung nach vorn machen, als sie ein eiserner Griff im Nacken festhielt. Erschrocken hielt sie inne, die Muskel angespannt.

„Stop kleine Frau! Wenn du nicht unbedingt auf Barneys Liege zum einrenken landen möchtest, solltest du jetzt ganz ruhig hier stehen bleiben.“

Ulis Hand hatte sich zielsicher um die Punkte am Hals gelegt, die einen Menschen gefährlich werden konnten, wenn man auch nur den geringsten Druck ausübte. Ihre Halsschlagader pulsierte unter Ulis Fingern und außerdem verspannte sich Leonie instinktiv. Würde sie sich nur ein kleines Stück bewegen, quittierte ihre Wirbelsäule dies mit einem ausgerenkten Halswirbel.

Die Polizeibeamten waren dem Vater zuvorgekommen, der, betrunken wie er war, über seine eigenen Füße gestolperte war. Doch diesmal kannten die Beamten kein Pardon. Sie bogen dem Mann die Arme auf den Rücken und ließen die Handschellen um seine Handgelenke schnellen.

„So mein Freund. Und nun ist Ruhe hier.“ schnauzte einer der Beamten.

Uli lockerte seinen Griff und als die Beamten den Mann in sicherer Verwahrung hatten, glitt seine Hand beruhigend über den Rücken streichend nach unten. Noch immer stand Leonie wie versteinert da. Erst als Uli sie freundschaftlich in den Arm nahm, löste sich ihre Starre.

„Bist ein wenig impulsiv. Aber das zeichnet dich nur aus. Fährst du mit im Rettungswagen? Ich komme nach.“ Noch immer konnte Leonie nichts sagen, nur nicken. Sie stieg zu der Mutter in den hinteren Teil des Rettungswagens und versorgte mechanisch die Verletzte, während Micha die beiden Jungen vorne einsteigen ließ und sie anschnallte. Als alle gut saßen, rief er fröhlich um die Kinder aufzuheitern: „Achtung, jetzt geht es los. Alles festhalten. Der Rettungsexpress startet.“

Während der kurzen Fahrt konnte Leonie keinen klaren Gedanken fassen. Der Griff hatte ihr weniger physisch wie psychisch zugesetzt. Diese innere Kraft, die von der Hand aus gegangen war, spürte sie noch immer, machte sie beinahe trunken.

Micha hielt vor der Ambulanz, in der Barney und Uwe schon warteten. Die beiden Kinder wurden in Andreas Obhut gegeben, die ihnen genau erklärte, was nun mit ihrer Mutter geschehen würde. Barney trat auf Leonie zu.

„Du bist ja so blass um die Nase. Alles okay?“ Leonie schaute auf und blickte in Barneys leicht amüsiert schauenden Augen, als Uli auch schon von hinten an sie heran trat und erklärte: „Nichts weiter passiert. Unsere Kollegin wollte sich nur mit Goliath anlegen, was ich zu verhindern wusste.“ Er grinste breit, konnte es sich trotz aller Mühe nicht verkneifen.

„Kümmert ihr euch um die Frau. Wir beide werden mal kurz verschwinden.“ fragte er zu Barney gewandt, der mit einem nicht zu deutenden Lächeln nickte und Uli schob Leonie vor sich her in den Aufenthaltsraum. Leonie ließ sich auf einen der Stühle fallen und Uli setzte sich ihr gegenüber. Dann winkte er zaghaft mit der Hand.

„Hallo kleine Dame! Alles klar? Oder hab ich so gut getroffen, dass du schon entschwebt bist?“

„Sag mal hast du sie noch alle?“ Endlich löste sich Leonies Starre.

„Frage Retour! Das war nämlich ein echter Fiesling! Der hätte dir gefährlich werden können. Du hast selbst gesehen, was er mit seiner Frau gemacht hat.“ Ulis schaute sie mit seinen dunklen Augen durchdringend an. Leonie erwiderte den Blick und Uli stellte überrascht fest, dass sie stahlblaue Augen hatte. Warum fiel ihm das erst jetzt auf? Sie waren von einem so tiefen Blau, das sie einen fast hypnotisierten.

„Ich kann mich inzwischen recht gut alleine gegen solche Mannsbilder wehren.“ sagte plötzlich die junge Frau in die Stille hinein und stand auf.

„Kannst du mir das näher erklären?“ Uli schaute sie mit einem fragenden Blick an.

„Können schon, aber wollen nicht!“ Leonie drehte sich um und ging zur Tür, wo sie mit Barney zusammen rumpelte.

„Hoppla!“ rief dieser und ließ die Kollegin mit erhobenen Armen passieren.

„Was war das?“ fragte er dann zu Uli gewandt.

„Ein Gespräch zwischen Kollegen.“

„Ahja.“ Barney musterte seinen Freund, der noch immer Leonie nach sah. Barney folgte seinem Blick, als Uli leise sagte: „Ich glaub, mich hat`s erwischt!“

 

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now