PROLOG

 

Chicago im Sommer 1986!

Die Tür zur intensivmedizinischen Abteilung des Chicago Medical Centers ging auf und eine eigentümlich aussehende alte Frau betrat den mit Neonleuchten erhellten Gang.

„Was will die Alte hier?“ Ein untersetzter, grauhaariger Mann schaute auf.

„Sie ist ihre Mutter!“ antwortete ein anderer, der zwar älter wie der Erstere war, aber  um Jahre jünger aussah. Da er seit vier Tage nicht mehr geschlafen hatte, lagen dunkle Schatten um seine Augen. Seine Frau Mell lag in dem Zimmer hinter ihm, rang mit dem Tod, ebenso wie seine kleine sechsjährige Tochter, die auf der Kinderstation dieses Krankenhauses lag, das sein Bruder Karl, der Grauhaarige, leitete. Er war am Boden zerstört. Alles hatte er in seinem Leben erreicht, war vom berüchtigten Tellerwäscher zum Millionär geworden. Paul Richardson hatte sich ein Imperium aufgebaut, doch alles Geld der Welt half nicht seine Frau  wieder gesund zu machen.

„Eine Hexe ist sie! Wenn sie Mell etwas antut, kann sie was erleben!“ erboste sich Karl wieder.

„Sie ist Mells Mutter und es steht uns nicht zu, ihr den Kontakt mit ihrer Tochter zu verbieten. Selbst mir als ihrem Mann nicht.“

Karl schnaubte verächtlich. „Schwächling. Du hast Angst vor dieser Alten!“

„Nein. Respekt. Ich habe Respekt vor ihr. Sie ist eine weise Frau!“ widersprach Paul energisch.

„Eine Indianerin ist sie. Noch weniger wie ein Nigger!“ Karl spuckte verachtend auf den Boden.

 

Drei Stunden waren vergangen und noch immer war die alte Frau bei Mell. Allmählich wurde Paul Richardson unruhig. Er war kurz bei seiner Tochter Joy gewesen, die schon seit einigen Wochen auf der kardiologischen Kinderstation lag. Die Ärzte, allen voran Karl, der der medizinische Leiter der Kinderabteilung war, hatten einen Herzfehler bei dem kleinen Mädchen festgestellt. Sie sollte in den nächsten Tagen operiert werden. Und nun lag seine über allesgeliebte Frau ebenfalls hier. Man hatte eine Notoperation vorgenommen, doch noch immer schwebte sie in Lebensgefahr. Seine Nerven waren zum zerreißen gespannt. Aus dem Raum, in dem Mell lag, hörte er eigenartige Gesänge und er war drauf und dran in das Zimmer zu stürzten, als die Alte heraustrat. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu zwei dicken Zöpfen zusammengeflochten und sie trug ein traditionelles Kleid ihres Volkes, den Shawnee – Indianern. Sie trat auf Paul zu, nahm seine Hände in die ihren, sagte aber nichts. Eine Krankenschwester trat in Mells Zimmer, rief plötzlich nach dem Chefarzt, der sofort hinzu kam. Nach einigen Augenblicken kam er wieder raus, erklärte mit zitternder Stimme: „Sie ist tot!“

Paul schaute die alte Frau entgeistert an, als sie ihm zuflüsterte: „Hole Nonhalema hier heraus, sonst stirbt auch sie. Diese Männer haben Tecumapese krank gemacht. Es sind schlechte Menschen. Ich konnte nichts mehr für sie tun. Rette das Kind!“

Damit verließ sie die Station, das Krankenhaus und die Stadt.

 

Paul stand fassungslos vor dem Bett, in dem seine tote Frau lag. Es schien als würde sie schlafen, so friedlich war ihr Gesichtsausdruck. Er sah die Zeichen, die Makwa– ikwa ihrer Tochter auf die Stirn und die Schläfen gemalt hatte. Die Zeichen für den Gott des Todes, Tecumapese in sein Reich aufzunehmen, ihr Wohlwollen entgegen zu bringen. Tränen rannen über sein Gesicht. Er, der sonst für Geld alles kaufen konnte, hatte hier nichts erreicht. Kein Geld der Welt konnte seine Frau wieder lebendig machen. Ihm blieb nur noch das kranke Kind. Was hatte Makwa– ikwa gesagt? Hole das Kind hier heraus, sonst stirbt es auch. Was für ein Quatsch! Das Chicago Medical Center war eine der renommiertesten Kliniken im Land. Gut, sie war finanzielle angeschlagen, aber trotzdem!

Paul ging zu seiner Frau, strich ihr liebevoll das schwarze, glänzende Haar aus der Stirn und küßte sie nochmals.

„Gute Reise, Sternschnuppe. Ich werde auf unsere kleine große Kämpferin achtgeben.“ flüsterte er leise, sah dabei nicht den eigenartigen Gesichtsausdruck, den sein Bruder hatte.

 

Drei Monate später:

Makwa– ikwa stand den Polizeibeamten gegenüber, die mit Handschellen in der Hand in ihre Hütte getreten waren. Sie lächelte bei ihrem Anblick, wusste sie doch was nun passieren würde. Gerade eben erst hatte sie mit Paul gesprochen und er hatte sie gewarnt. Karl hatte seine Drohung wahr gemacht und Makwa– ikwa des Mordes an ihrer Tochter bezichtigt. Doch die Alte fürchtete sich nicht. Alles würde gut werden, das wusste sie. Sie hatte es in ihrer Vision gesehen.

„Sie sind verhaftete. Sie stehen unter dringenden Verdacht ihre Tochter Mell Richardson ermordet zu haben!“ erklärte der eine Beamte mit einem harschen Tonfall.

Makwa– ikwa lächelte noch immer, zog die Tür ihrer Hütte hinter sich zu.

„Bitte, ich bin soweit.“ sagte sie dann und ging mit dem Beamten zu einem parkenden Polizeiwagen. Während der Fahrt zum Polizeipräsidium hing sie ihren Gedanken nach. Noch vor einer Woche war sie bei Nonhalema gewesen. Schon damals hatte sie gewußt, dass es ihr letzter Besuch bei der Enkelin sein würde. Sie hatte dem Kind einen kleinen Brustbeutel umgehängt, in dem ein Briefchen steckte.

„Was ist das Grandma?“ hatte die Kleine gefragt.

„Deine Zukunft, Nonhalema. Du wirst noch eine schwere Zeit durchmachen, aber es wird schließlich alles gut. Du wirst jemanden finden, der dir selbstlos hilft. Aber hüte dich davor, dich in ihn zu verlieben!“

„Was heißt verlieben, Grandma?“

„Das wirst du dann schon bemerken!“ Makwa– ikwa liefen Tränen über die Wangen, als sie dies sagte und das kleine sechsjährige Mädchen schaute die Alte an, fragte irritiert: „Warum weinst du denn? Ist es etwas schlimmes, sich verlieben?“

 Makwa– ikwa strich dem Kind durchs Gesicht, lächelte milde.

„Nein mein Kind. Es ist etwas ganz wundervolles. Und ich weine, weil ich bald deine Mutter wiedersehe. Ich freue mich darauf.“

 

Das Gefängnis lag außerhalb der Stadt und als sich die schweren Türen hinter der Alten schlossen, zeigte ihr Gesicht eine gewisse Trauer. Sie wurde in eine kleine Zelle mit einer Mexikanerin gesteckt, die sie abschätzend an sah.

„Gibt es nichts knackigeres? Was soll ich mit son`er alten Muschi?“

„Halt die Schnauze Gonzo. Nimm was du kriegst.“ ranzte die Wärterin zurück und verschwand. Makwa– ikwa setzte sich mit ineinander verschlungenen Beinen auf den Boden, faltete die Hände, schloss die Augen und betete leise vor sich hin. Sie wusste, dass alles gut werden  würde. Der große Geist würde sie nicht im Stich lassen. Nicht sie, nicht ihre tote Tochter und nicht die kleine Nonhalema, die große Kämpferin. Sie wusste, dass der große Geist mit ihrer kleinen Enkelin sein würde. Erst in der letzten Nacht hatte eine weitere Vision ihr dies gezeigt. Es würde sich alles zum Guten wenden. Nicht jetzt, nicht heute. In vielen Jahren würde sich der Kreis schließen. Der Kreis des Lebens würde sich für ihre Enkelin schließen. Glücklicher wie für ihre Tochter und für sie selber. Doch sie empfand keine Trauer, denn sie hatte viele glückliche Tage in ihrem Leben gehabt und an die dachte sie nun, als die Mexikanerin sie mit den Füßen trat, immer und immer wieder. Und als sie ein helles Licht sah, wusste Makwa- ikwa, das ihre Tochter Tecumapese, Sternschnuppe, sie erwarten würde.

 

 

 

 

Visionen

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kein Mensch beginnt,

er selbst zu sein,

bevor er nicht

seine Visionen gehabt hat

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Ausspruch der Ojibway

 

 

New Yorker Umland, im Frühjahr

 

Die gepackten Koffer standen vor dem Geländewagen. Joy schaute sich nochmals um, ließ ihren Blick über das riesige Anwesen schweifen. Hinter dem Gutshaus, das im norddeutschen Stil gebaut war, lagen riesige weiß umzäunte Pferdekoppel, auf denen sich die Zweijährigen tummelten. Joy bedauerte es doch ein wenig, das sie SAGA– Land verließ. Doch sie freute sich auf das Land ihrer Vorfahren. Der anderen Vorfahren! Der deutschen Vorfahren! Das Land ihres Vaters, der mit einem traurigen Lächeln an der Tür des Wagens lehnte. Groß, schlank wie er da so stand, meinte man nicht, dass er schon stramm auf die siebzig zuging. Sportlich noch immer aktiv, hatte er sich gut gehalten. Arbeiten brauchte er nicht mehr. Sein Imperium wuchs stetig, auch ohne seine Mithilfe. Wenn er eines Tages sterben würde, wäre Joy eine Millionärin. Doch Paul Richardson wusste, dass seine Tochter sich nichts aus Geld machte. Am liebsten wäre sie eine Bettlerin. Das hatte sie ihm selber vor kurzem gesagt, als sie wieder einmal von einem Mann enttäuscht worden war. Weil er nur hinter ihrem Geld her war, wie sie behauptete, doch Paul Richardson wusste, das seine Tochter nicht einfach zu handhaben war. Eigenwillig und stolz war sie. Der Mann, der sie glücklich machen würde, musste noch erst geboren werden, fürchtete er.

Daher hatte er Joys Wunsch, nach Deutschland fliegen zu wollen, auch nach gegeben. Sollte sie sich die Hörner in der alten Welt abstoßen. Und vielleicht fand sie ja dort einen Mann, der ihren Vorstellungen entsprach.

 

Um Punkt zehn Uhr mittelamerikanischer Zeit hob die Maschine der deutschen Lufthansa ab, Richtung Hamburg. Um genau zehn Uhr und fünfzehn Minuten klingelte bei Paul Richardson das Telefon. Er hob ab, meldete sich.

„Jim hier. Paul hast du schon Nachrichten gehört?“

„Guten Morgen Jim. Nein, das habe ich nicht. Warum fragst du?“

„Karl ist wieder frei!“

Paul starrte ungläubig auf das Telefon. Dann stammelte er: „Das kann nicht sein! Er hat lebenslänglich bekommen.“

„Er ist begnadigt worden, Paul! Er ist auf dem Weg nach New York. Und außerdem -“

„Was außerdem?!“ Paul spürte Panik in sich aufsteigen.

„Die Auswertung der Computertomographie ist da!“

„Ja und?“

„Sieht nicht gut aus. Joy sollte schnellstens zu uns kommen!“

„Das – das kann sie nicht. Sie ist nicht da!“

„Wo ist sie denn?“

„Über dem Atlantik. Auf den Weg nach Deutschland!“

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