Inselstürme  

  

 

PROLOG

 

Die Sonne versank langsam hinter der Fehmarnsundbrücke in die Ostsee und färbte das Wasser golden. Rike saß auf einem großen Findling am Strand der Insel Fehmarn und genoss die letzten wärmenden Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne. Ihre Hand ruhte auf ihrem Körper, dort wo ein kleines Wunder langsam wuchs, noch keine Ahnung hatte von diesem schönen Augenblick, diesem Moment, der völlig losgelöst von allem schien.

„Die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf neue Träume bringt.“

Immer wieder ging Rike dieser Satz durch den Kopf. Es war noch kein halbes Jahr her, das ihr Barney, der beste Freund den Rike je hatte, ihn gesagt hatte. Knapp sechs Monate waren vergangen, Wochen und Tage die ihr Leben vollends umgekrempelt hatten. Doch angefangen hatte es schon vor drei Jahren. An einem trüben Tag im März, als die letzten Winterstürme über die Dächer der Stadt jagten.............

 

Kapitel 1

 

Ein neuer Anfang mit

interessante Menschen.

 

.....Damals hatte Rike mit zitternden Fingern den Briefkasten geöffnet und endlich den lang ersehnten Brief aus ihm entnommen. Er war an sie und ihre Freundin Kati adressiert, die nun gespannt neben ihr stand.

„Mach ihn auf.“ bat Kati aufgeregt und trat von einem Fuß auf den anderen. Rike öffnete den Umschlag mit einem Ruck, entnahm bedächtig den Briefbogen. Dann las sie vor: „Sehr geehrte blablabla, ich möchte Ihnen mitteilen, dass wir uns für Sie entschieden haben. Wir würden uns freuen, Sie am ersten Mai bei uns auf dem Hof begrüßen zu dürfen. Nähere Einzelheiten würden wir dann gerne vor Ort mit Ihnen  besprechen. Sollen Sie sich ihrerseits anders entschieden haben, lassen Sie es uns bitte wissen. Mit freundlichen Grüßen.“

Die beiden jungen Frauen schauten sich für einen Moment stumm an, dann jubelten sie laut los, das es nur so in dem Hausflur hallte. Eine ältere Dame schaute erschrocken aus der Wohnungstür heraus. Kati warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.

„Mir scheint, ihr habt die Stelle bekommen?“ Die alte Dame lächelte verstehend.

„Das haben wir, ja.“ bestätigte Rike mit einem Lächeln, welches die Nachbarin höchst selten in dem Gesicht der jungen Frau sah.

„Dann wünsche ich euch beiden alles Gute. Ich drücke euch die Daumen, dass alles so läuft, wie ihr es euch wünscht. Ich kenne Ostholstein gut. Die Menschen dort sind ein besonderer Schlag, vor allem die auf der Insel.“ Mit einem geheimnisvollen Blick schloss die alte Dame ihre Türe wieder und ließ die beiden Freundinnen mit einem erstaunten Gesichtsausdruck zurück.

 

Die aufgehende Sonne ließ Anfang Mai die in voller Rapsblüte stehenden Felder der Insel Fehmarn Golden erscheinen.

 

 

„Nun, wenn die Zukunft auch so golden wird, wie die Insel nun vor uns liegt, dann kann ja nichts mehr schief gehen.“ Kati lehnte lässig über der Tür des alten, schon recht klapprigen Renault 4, den sie auf einem Parkplatz an der Bundesstraße nur wenige Kilometer vor der Fehmarnsundbrücke geparkt hatte. Vor ihnen funkelte der Fehmarnsund und die Straßen der Kleinstadt Heiligenhafen, die unmittelbar unter ihnen lag, füllten sich nur zögerlich mit Leben.

„Dann kann nur noch alles besser werden.“ murmelte Rike und setzte sich nun anstelle ihrer Freundin hinter das Steuer des R4. Sie waren mitten in der Nacht in Bochum losgefahren und bis auf eine kurze Pause durchgefahren. In Bochum hatte es gegossen wie aus Kübeln, doch hier, in Ostholstein, schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Rike ließ noch einmal den Blick schweifen, startete dann den Wagen, der sich schwerfällig in Gang setzte und über den Kies bedeckten  Parkplatz auf die Landstraße rumpelte. Mit großen Schildern wurde die Fehmarnsundbrücke angekündigt und dann lag sie auch schon groß und einladend vor ihnen. Für einen Moment nahm Rike den Fuß vom Gas, als die Brücke sich vor ihnen auftat und Kati murmelte überrascht: „Sieht ja gewaltig aus, das Teil.“

„Wie ein riesiges Tor.“ bestätigte Rike und fuhr mit einem beklommenen Gefühl weiter. War dies nun das Tor in eine andere, bessere Welt? Schafften sie es beide, hier mit der Vergangenheit abzuschließen und neu anzufangen?

Die Bögen der Fehmarnsundbrücke schienen sie zu umschließen und als sie auf die Insel fuhren, war es, als schlug eine Tor hinter ihnen zu.

Nun waren sie auf der Insel und Rike kam es bei einem Blick in den Rückspiegel vor, als ob die Brücke das Jetzt von dem Damals trennte und sie atmete erleichtert auf.

 

Der Hof, auf dem Rike und ihre Freundin Kati in Zukunft arbeiten wollten, lag an der Südküste der Insel Fehmarn. Hinweisschildern kündigten ihn schon kurz nach der Brücke an und bestätigten, was ein kurzes Telefonat mit dem neuen Arbeitgeber ihnen gesagt hatte. Man konnte das Gestüt Harmsdorf nicht verfehlen. Der Stellenzusage hatte damals ein Flyer beigelegen, der den Hof vorgestellt hatte, als Reiterhof, Gestüt und Turnierstall. Doch die Bilder hatten nicht die Imposants des Anwesens widergegeben, die sich den beiden Frauen jetzt offenbarte, wo sie unmittelbar vor ihm standen. Ein großes, nach altem fehmarnschen Baustil errichtetes Gutshaus mit Reetdach lag vor ihnen. Rechts davon war ein langgestrecktes ziemlich neues Stallgebäude. Vor jeder Box war ein Sandpaddock, so dass die Pferde rein oder raus konnten, ganz wie sie wollten. Ein gepflegter, frischgeharkter Reitplatz lag direkt vor ihnen und hinter dem Stallgebäude versteckt, noch ein überdachter Reitplatz.

Zögerlich fuhr Rike auf den kiesbedeckten Hof und parkte vor einer der zwei großen Dielentüren des Gutshauses. Kati warf einen Blick auf die Uhr. Es war acht Uhr früh, eigentlich eine geschäftige Zeit auf einem Reitbetrieb. Doch hier war alles ruhig. Einzig der vorwitzige Hahn stolzierte über den Hof, krakelte lautstark als ob er die Eindringlinge verjagen wollte.

„Vielleicht hätten wir uns telefonisch anmelden sollen.“ Kati schaute skeptisch in den Rückspiegel.

„Mhm.“ Zu mehr ließ sich Rike nicht verleiten, als sie im Seitenspiegel sich etwas bewegen sah. Kati wollte gerade was sagen, als jemand an die Scheibe der Beifahrertür klopfte. Kati drehte sich erschrocken um und erkannte einen Mann mittleren Alter, der auf Augenhöhe ihnen entgegen grinste. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht, das von einer dunklen Haarpracht eingerahmt war. Ein kurzer, gepflegter Vollbart ließ sein Grinsen verschmitzt aussehen und die dunklen Augen lachten.

„Hab ich mir doch gedacht, dass ihr das so früh seid. Willkommen auf  Fehmarn. Ich bin Rainer Harmsdorf.“

 

 

Kati und Rike schauten sich für einen Moment völlig verblüfft an.

 

Dies war tatsächlich Rainer Harmsdorf. Der Rainer Harmsdorf, von dem sie schon so viel gehört hatten. Sie hatten nicht wirklich geglaubt, dass er der Absender der Stellenausschreibung war, vielmehr geglaubt, dass die Namensgleichheit Zufall war. Doch nun waren sie sich sicher, den großen Militäryreiter Deutschlands vor sich zu haben. Seine Erfolge waren weit über Deutschland hinaus bekannt gewesen. Daher irritierte sie sein Anblick. Rainer Harmsdorf saß in einem Rollstuhl.

Rike fasste sich zuerst, erklärte verlegen während sie ausstieg: „Ja ähm, hallo, wir sind Kati und Rike, aus Bochum.“

Rainer Harmsdorf rollte ein Stück mit seinem Rollstuhl zurück, so dass auch Kati aussteigen konnte. Sie reichte dem Mann sofort die Hand, die dieser nahm und herzlich schüttelte.

„Nochmals herzlich willkommen. Wer ist wer?“ Rainer Harmsdorf musterte die beiden Frauen interessiert. Auf dem ersten Blick hätte man sie für Schwestern halten können, doch beim näheren hinsehen, erkannte man gewaltige Unterschiede. Die Frau, die vor ihm stand und sich als Kati vorstellte, war relativ klein und schlank. Ihre dunklen Haare hatte sie modisch kurz geschnitten und sie erwiderte den Händedruck kräftig.

Die andere junge Frau stellte sich als Rike vor. Sie war groß, kräftig gebaut und hatte lange blondgelockte Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz straff zusammengebunden hatte. Ihr Händedruck war kaum spürbar und sie zog ihre Hand schnell wieder weg.

Dies alles registrierte Rainer Harmsdorf innerhalb der ersten Sekunden. Das waren also die beiden Neuen, über die in den letzten Tagen so viel diskutiert und spekuliert worden war. Vor allem seine beiden Freunde und tatkräftigsten Mitarbeiter Micha und Oli waren wenig erbaut gewesen von der Vorstellung, dass zwei Frauen das Team erweitern sollten. Er konnte nicht sagen warum ihn die Bewerbung der beiden Frauen so begeistert hatte. Die fachliche Kompetenz alleine war es nicht gewesen. Während Kati zwar ausgebildete Pferdewirtin mit Schwerpunkt Zucht war, konnte Rike in Anführungsstrichen nur das goldene Reiterabzeichen vorweisen. Unter den anderen Bewerbern wären sicherlich noch bessere Leute zu finden gewesen, aber die beiden Frauen hatten ihn alleine von ihren Bildern her schon fasziniert. Sie nun vor sich zusehen, bestätigte diesen Eindruck.

„Wer ich bin wisst ihr ja nun. Nennt mich einfach Harm, Abkürzung für Harmsdorf. So nennen mich alle auf der Insel.“ Der Mann grinste breit, denn es amüsierte ihn sichtlich, die beiden Frauen so verblüfft zu sehen. „Offensichtlich habe ich nichts von meinem Rollstuhl erwähnt. Naja, man gewöhnt sich mit der Zeit daran.“ erklärte Rainer Harmsdorf und wendete behände seinen Gefährt. Er deutete auf eine große Dielentür, die sich automatisch öffnete. Eine Rampe davor erleichterte es ihm in die große Wohnküche zu fahren. Rike und Kati folgten ihrem zukünftigen Chef der auf einen großen, üppig gedeckten Frühstückstisch zusteuerte.

 „Die anderen schlafen noch. War gestern wieder ein langer Abend gewesen. Setzt euch, Kaffee ist schon fertig.“  Harm stellte eine überdimensionale Thermoskanne auf den alten Bauerntisch.

„Ja, die Ferienzeit hat begonnen. Sicherlich gibt es viel zu tun.“ stellte Kati fest, doch Harm schüttelte den Kopf.

„Wie? Nein, ach was. Wir haben gefeiert. Ein alter Freund ist gestern nach langer Zeit wieder auf die Insel gekommen. Das musste ausgiebig begossen werden.“ Harm schüttete Kaffee in große Kaffeepötte.

 

 

„Milch, Zucker?“ Er deutete auf den Tisch. „Bedient euch bitte. Wie schon gesagt: etwas zu arg gefeiert. Oli und Micha liegen vermutlich noch in Sauer. Ich sag's ja nur ungern, aber ich glaube ihr werdet an eurem ersten Tag schon mächtig ranklotzen müssen. Abgesehen davon hab ich auch einen ziemlichen Brummschädel. Daher prost Kaffee.“ Grinsend hob Harm seiner Kaffeepot in die Höhe.

Rike beobachtete verstohlen ihr Gegenüber. Sie schätzte Rainer Harmsdorf auf Anfang vierzig. Mit seiner wallenden Haarpracht sah er wie ein typischer Aussteiger aus. ‚Und so jemand  war mal Turnierreiter?' schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte eine rege Phantasie, doch dieser Mann stellte ihre Vorstellungskraft auf die Probe. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Kati, die scheinbar das Gleiche dachte. Doch bevor sie weiter grübeln konnte, ging die Tür auf und eine Frau mit herrlichen, langen roten Haaren und lustigen Sommersprossen trat in die Küche.

„Sag mal, bist du aus dem Bett gefallen?“ Etwas zerknittert schaute sie in die Runde und ein verdutztes „Oh!“ kam über ihre Lippen. Harm grinste breit und erklärte: „Meine Frau Jaqueline, kurz Jäcky. Na, wieder alles im Lot mein Schatz. Hey, das ist mein Kaffee.“ Jäcky hatte mit einem geschickten Ablenkungsmanöver ihrem Mann den Becher Kaffee aus der Hand geluchst. Sie leerte ihn mit einem Zug.

„So, jetzt geht es mir besser. Morgen, ihr zwei. Ich nehme an, Kati und Rike aus Bochum.“

Rike schmunzelte verhalten. Jäcky war ihr sofort sympathisch. Wenn alle anderen auf dem Hof so waren wie Harm und seine Frau, dann würden sie sich sicherlich bald heimisch fühlen. Sie griff Jäckys Hand und bestätigte ihre Vermutung.

„Richtig, ich bin Rike und das ist Kati. Wir sind gerade erst angekommen.“

„Na, das ist ja wieder typisch. Hast sie vermutlich direkt mit Arbeit eingedeckt, während die Halunken da oben ihren Rausch ausschlafen.“ Jäcky knuffte ihren Mann unfreundlich in die Seite.

„Ich werde die beiden auf keinen Fall wecken. Beim letzten Mal hatte ich eine Beule von Olis Wurfgeschoss. Gott weiß, was das war.“

„Ein Buch, mein Lieber, immer noch. Und man geht ja auch nicht mit einem Topf und einer Suppenkelle seine Leute wecken.“

Kati lachte schallend auf, meinte dann: „Mir scheint, das hier ist ein ziemlich verrückter Haufen, oder?“

Harm erwiderte den Blick mit einem breiten Grinsen.

„Doch ja, so könnte man es nennen.“ bestätigte er dann, fragte dann direkt nach: „Ist das ein Problem für euch?“

 Die beiden jungen Frauen lächelten befreiend.

„Nee.“ antwortete Kati voller Überzeugung. „Im Gegenteil, das ist genau das, was wir nach allem brauchen. Ich glaube, hier sind wir goldrichtig.“

„Na wunderbar. Dann auf eine gute Zusammenarbeit.“ Harm hielt Kati die Hand hin.

„Heißt das, dass sie uns einstellen?“ fragte Rike zögerlich nach.

„Ihr glaubt doch wohl nicht, dass er euch so weit fahren lässt und dann sagst, schönen Dank, eure Nasen gefallen mir nicht. Von wegen, da würde ich aber auch noch was zu sagen.“ antwortete Jäcky mit erboster Stimme  an Harms Stelle.

„Ihr seht, Jäcky hat mich und den Rest der Mannschaft fest an der Kandare. Und bei so vielen Männern auf dem Hof kann sie gut Verstärkung gebrauchen.“ Harm zog seine Frau auf seinen Schoss, gab ihr einen liebevollen Kuss.

Rike jedoch wich die Farbe aus dem Gesicht. Hatte sie richtig gehört? Viele Männer auf dem Hof? Das war eigentlich das Letzte, was sie brauchte. Sie hatte von dieser Spezies Mensch die Nase voll. Harm und Jäcky hingegen fand Rike mehr wie sympathisch und auch Katis Gesicht zeigte Zufriedenheit.

 

 

Harm bemerkte Rikes Reaktion, erklärte daher beschwichtigend: „Michael und Oliver sind ganz patente Jungs. Macht euch keine Gedanken, ich bin mir sicher, ihr werdet gut mit ihnen klar kommen.“   

Diese neuen Arbeitskollegen standen eine Stunde und fünf Kaffeebecher später ebenfalls in der Küche. Bei weitem nicht so fit wie Jäcky und ihr Mann, aber immerhin ohne groß geweckt worden zu sein. Zerknirscht lümmelten sie sich an den Tisch und Jäcky goss beiden einen extra starken Kaffee ein.

„Schönen guten Morgen, sagt die Flasche, wenn sie in den Kasten kommt.“ bemerkte sie scharf. Ein brummeliges „Moin“ kam zurück.

„Diese recht armseligen Kreaturen sind Michael und Oliver, kurz Micha und Oli.“ Harm deutete erst auf einen jungen Mann mit langen Rasterlocken, die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren. Er schaute auf und hob zur Begrüßung seinen Kaffeepot. Die Freundinnen nickten ihm zu. Der andere schaute die Neuen unverhohlen neugierig  an und bemerkte übelgelaunt: „Dann hätt ich ja nich aufstehen brauchen. Könnt gleich anfangen. Heute sollen die Mutterstuten auf eine neue Koppel und ein Ausritt steht auch auf dem Plan.“

Die Freundinnen schauten sich verdattert an, während Harm missmutig den Kopf schüttelte.

„Oli, halt dich zurück!  Wenn du einen dicken Kopf hast, dann steck ihn unter die Pumpe, aber maul hier nicht rum.“ bemerkte er in scharfen Tonfall und  warf Oli einen strengen Blick zu, der nur kurz aufschaute. Rike war überrascht. Der erste Eindruck hatte Harm Harmsdorf als einen überaus ruhigen und gelassenen Menschen dargestellt. Doch er konnte, so schien es, auch anders. 

„Schon gut. War ja nicht so gemeint.“

„Schön das ihr da seid.“ meldete sich nun Micha zu Wort. Er hatte zwischenzeitlich seine erste Tasse Kaffee leer und seine Lebensgeister kehrten zurück. Er blickte den beiden jungen Frauen freundlich mit seinen dunklen Augen entgegen. 

„Wenn wir gefrühstückt haben zeig ich euch erst mal alles hier auf dem Hof. Bis wir damit durch sind, wird der hier sicherlich einen klaren Kopf haben.“ Er deutete mit dem Daumen auf seinen Kollegen und grinste. Aus dem Backofen entströmte der verlockende Duft frischer Brötchen und kurze Zeit später standen sie auf dem Tisch. Rike langte hungrig hin und auch Kati verdrückte im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht eine Menge.

Während des Frühstücks beobachtet Kati verstohlen Micha, der ihr auf Anhieb sympathisch war. Er hatte lustige dunkle Augen und einen drei Tage Bart, schien nicht viel größer zu sein, wie sie selber, aber wesentlich kräftiger. Sie fragte sich, welche Aufgabe er auf dem Hof inne hatte. Im Gegensatz zu seinem Kollegen war er nach dem reichhaltigen Frühstück  putzmunter.

Oli dagegen saß zusammengesunken und missmutig am Tisch, hielt sich den schweren Kopf. Seine kurzgeschnittenen Haare standen in allen Himmelsrichtungen ab und unterstrichen den launischen Ausdruck noch. Er war kräftig gebaut, schien anpacken zu können und war offenbar nicht erbaut darüber, nun zwei Kolleginnen an seiner Seite zu haben.

Als alle mit dem Frühstück fertig waren, steckte Harm sich seine Pfeife an, die er schon vorher sorgfältig gestopft hatte. Während er genüsslich an ihr zog, fragte er zu Rike gewandt: „Wie du geschrieben hast, bist du im Besitzt des goldenen Reiterabzeichens?“

 

 

Rike nickte zustimmend. „Richtig. Ich hab‘s mir im Dressurreiten bis Grand Prix Klasse erworben. Bin aber auch bis Klasse M gesprungen.“

Harm nickte zufrieden. „Das ist fein. Ich würde dich gerne heute Nachmittag mal reiten sehen. Wir haben einige vielversprechende Dressurpferde im Stall. Micha wird sie dir nachher zeigen.“

„Gern.“ antwortete Rike lächelnd.

„Und du Kati, auch Dressur?“ fragte Micha zu Kati gewandt. Er musterte die junge Frau interessiert, die lachend abwehrte: „Gott bewahre nein. Ich reite zwar gerne und auch ganz gut, so bis Klasse L. Aber mich hat immer mehr die Zucht interessiert. Ich habe vor einigen Jahren meine Prüfung in dieser Fachrichtung abgelegt.“

„Du bist Pferdewirt Schwerpunkt Zucht? Respekt! Da hat der Chef ja einen guten Fang gemacht. Dann werden wir beide wohl zusammenarbeiten. Ich bin Pferdewirtschaftsmeister und kümmere mich um die Zucht hier.“ erwiderte Micha begeistert.

Rike schaute wenig erbaut zu dem immer noch übelgelaunt dreinblickenden Oli, der sie wieder unverhohlen musterte. Das konnte ja heiter werden. Harm folgte Rikes Blick, schien ihre Gedanken zu erraten.

„Na, Oli, dann kannst du dich ja endlich mit dem Texaner auseinander setzten.“ brummte er daher.

„Soll das heißen, dass du der Neuen Ramon anvertrauen willst?“ Oli zeigte seine Ablehnung Rike gegenüber allzu deutlich.

„Die Neue heißt Rike und genau das soll es heißen. Ich habe nicht vor mit dir nochmals darüber zu diskutieren. Es bleibt dabei.“ entgegnete Harm scharf.

„Wisst ihr was, wir schauen uns nun die Pferde an. Kommt.“ Micha sprang auf und winkte den beiden Freundinnen zu. Ihm wurde die Luft hier zu dick. Eine Diskussion zwischen Harm und Oli war das Letzte, was er mit seinem schweren Kopf gebrauchen konnte. Auf dem Hof atmete er erleichtert auf.

„Dein Kollege scheint nicht gerade begeistert darüber zu sein, dass wir hier sind.“ stellte Kati bedauernd fest. 

„Ach, der ist mit sich selbst unzufrieden. Dressurreiten ist nicht seine Stärke. Er will in Harms Fußstapfen treten und ein Vielseitigkeitsreiter werden. Nur haben wir im Moment nicht das Pferdematerial dafür. Harm hatte schon immer eine Schwäche für Dressurpferde. Vor seinem Unfall vor drei Jahren hat er die deutsche Meisterschaft mit seinem Trakehnerhengst Ramon gewonnen. Im letzten Jahr ist Oli mit ihm gestartet, aber er hat einfach nicht das Feingefühl für ein Dressurpferd. Es ging in die Hose. Harm sucht schon lange nach jemanden, der sich auf die Dressur spezialisiert hat. Wie mir scheint, hat er ja jetzt jemanden gefunden.“  Micha lächelte Rike aufmunternd zu, die ein wenig betrübt neben ihm den Hof überquerte. Daher fügte er erklärend hinzu: „Weißt du, Frauen im Stall sind für  Oli ein rotes Tuch. Er meint immer, sie würden nur angeben mit den Pferden und nie richtig zupacken. Doch ich glaube er muss und wird seine Meinung bald revidieren. Vielleicht nicht sofort, doch bis dahin: Ignoriere ihn einfach.“ erklärte Micha leicht hin.

„Er kennt mich doch überhaupt nicht. Ich bilde mir ja auch noch kein Urteil, obwohl das ein leichtes wäre, so wie er sich uns gegenüber benimmt.“ antwortete nun Rike.

 

 

„Da hast du allerdings recht. So ihr Lieben. Nun sind wir im aller Heiligsten des Gutes Harmsdorf. Dem Stall.“ Micha öffnete zwei großen Flügeltüren und sofort ertönte erwartungsvolles Schnauben und Wiehern. Bewundernd schauten Rike und Kati in den lichtdurchfluteten Stall. An jeder Seite waren zehn geräumige Boxen und aus fast jeder schaute erwartungsvoll ein Pferdekopf.

„Momentan sind nicht alle Boxen belegt. Einige Pferde sind auf der Koppel. Wir wechseln immer ab bei den Ausritten. Mehr wie sechs Pferde gehen bei den Ausritten meist nicht mit. Irgendwie muss man den Haufen ja unter Kontrolle halten.“

Sie gingen von Box zu Box und Micha stellte jedes Tier genau vor. Er kannte von jedem Einzelnen die Schwächen und Vorzüge. Rike und Kati hörten gespannt zu.

„Und dies hier ist Fussel.“ Er deutete in die letzte Box.

„Da ist kein Pferd“ Kati schaute irritiert in die Box, als ihr plötzlich ein kleiner Kopf entgegen schoss.

„Hey, das ist ja ein Shetty,“ rief sie begeistert.

„Fussel? Ein witziger Name.“ bemerkte Rike und streichelte die weiße Nase des Ponys.

„Ja, die alte Dame hier ist wie ein Fussel. Sie ist immer dort, wo man sie nicht gebrauchen kann. Am häufigsten in der Futterkammer. Daher auch der doppelte Riegel. Wir hätten es auch Al Capone nennen können. Sie ist nämlich auch eine Ausbrecherkönigin. Man sollte kaum glauben das sie schon vierzig Jahre alt ist.“

„40 Jahre?“ rief Rike ungläubig.

„Das gibt's nicht. Das ist das älteste Pony, das ich kenne.“ staunte Kati.

„Das älteste in ganz Deutschland. Ist mit Brief und Siegel bescheinigt. Harm hat auf der alten Dame reiten gelernt. Na kommt, gehen wir nun in den Kronsaal.“ Er öffnete eine weitere Tür und sie standen in einem weiteren Stallkomplex, der die Mutterstuten und Turnierpferde beherbergte. Hier waren auf jeder Seite sechs Boxen, doch nur vier waren belegt.

„Hier steht unser Turniernachwuchs. Yellow Bird, eine Rheinländerstute. Harm setzt große Hoffnungen in sie. Dies ist Fabienne, eine Holsteiner/Vollblut Mischung. Das Vollblut schlägt leider durch. Sie ist einfach nur zickig. Oli und sie kämpfen mehr als sie reiten.“ Rike streichelte die Apfelschimmelstute. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Oli mit einem so sensiblen Pferd umging.

„Und das hier ist Ramon. Harms absolutes Goldstück.“ Eine samtige dunkelbraune Nase kam ihnen entgegen. Der Hengst schnoberte die Drei nacheinander ab.

„Kein Leckerbissen dabei mein Freund. Musst schon warten bis Futterzeit ist. Und last but not least, unsere gute alte Dunja. Sie erwartet in den nächsten Wochen ihr Fohlen. Eigentlich wollte Harm sie nicht noch mal decken lassen, immerhin ist sie schon dreiundzwanzig Jahre alt. Aber sie bringt immer super Nachwuchs. Wollen wir hoffen dass alles gut geht.“

Kati studierte das Schild an der Boxentür und pfiff anerkennend.

„Bei der Abstammung kann ich Harm gut verstehen. Von wem habt ihr sie decken lassen?“

„Von einem Capitolsohn.“

Kati zog anerkennend die Augenbrauen hoch. An der Stirnwand des Stalles war eine weitere Tür, hinter der es wüst polterte.

„Wer versucht denn da Kleinholz zu machen?“ fragte Rike neugierig.

„Tjaa, das ist  eigentlich unsere Kinderstube. Aber derzeit haust unser Ami da drin.“

„Euer was?“ fragte Kati irritiert nach.

Micha öffnete die Tür und das Poltern wurde lauter.

 

„Hier haust unser Quarter Horse Hengst. Schaut nicht so. Bisweilen hat Harm einen Spleen.“ erklärte Micha mit lauter Stimme, um den Krach zu übertönen, und einer unmissverständlichen Handbewegung. Dieser Stall hatte keine Boxen, sondern auf jeder Seite zwei große Laufställe. In einer stand ein imposanter fuchsfarbener Hengst. Als er die Truppe sah, hörte er schlagartig auf zu toben.

„Kommt ihm lieber nicht zu nahe. Er ist unberechenbar. Die Stuten dagegen sind herzensgut. Sind Töchter von ihm.“

Micha deutete auf zwei Pintostuten, die sich an das Gatter drängten.

„Was um Himmelswillen will Harm mit denen.“ Kati schaute kopfschüttelnd zu dem Hengst, der angriffslustig wieherte.

„Er hofft, durch Einkreuzung ein optimales Vielseitigkeitspferd zu bekommen. Ich finde sie recht vielversprechend. Der Hengst ist übrigens der Texaner, mit dem sich Oli rumschlagen soll.“ erklärte Micha. Rike schaute die beiden Jährlingsstuten genauer an.

„Die haben aber noch keine kräftige Hinterhand wie es für einen Quarter üblich ist.“ bemerkte sie skeptisch.

„Das sind auch keine reinen Quarters, sondern Halfquarters. Ihre Mütter sind Holsteiner Abstammung.“ Micha grinste breit über die verdutzten Gesichter.

„Wie, ihr habt Hosteiner und Quarter Horses gekreuzt?“ fragte Kati ungläubig und verdrehte ihre Hände gestenreich.

„Genau das haben wir.“ bestätigte Micha.

„Naja, warum nicht. Die Sprungkraft des Holsteiners und die Ausdauer vom Quarter. Kein schlechter Gedanke.“ überlegte Rike und streichelte die beiden Stuten, als Olis Stimme durch den Stall hallte: „Du lässt die Finger vom Texaner. Der ist nichts für Amazonen.“

Micha verdrehte genervt die Augen und murmelte: „Blöder Kerl. Hör nicht hin.“

„Und ob ich hinhöre.“ Rike Augen zogen sich wütend zusammen. Wenn sie eines noch mehr hasste wie Männer überhaupt, dann dieses grundlose Machogehabe. Daher schritt sie auf Oli zu, der lässig an der Stalltür lehnte. Als die junge Frau vor ihm stand, straffte er sich.

„Ich bin keine Amazone, sondern Berufsreiterin und das Privileg sich den Hals zu brechen überlasse ich dir.“ erklärte sie kühl und verließ den Stall.

Kapitel 2

 

Rike verschafft sich Respekt

und zeigt ihr Können.

 

 

So war der Vormittag wie im Fluge vergangen und Jäcky zeigte den Freundinnen nach einem kleinen Mittagessen ihre Zimmer, die im Obergeschoss des alten Bauernhauses lagen. Während die Stube, die große Wohnküche und das Schlafzimmer von Harm und Jäcky im Erdgeschoss großzügig und rollstuhlgerecht ausgebaut waren, hatten die kleinen Zimmer oben ihr bäuerliches  Flair erhalten. Rike und Kati bekamen ein Zimmer nebeneinander. Außer ihnen beiden wohnte auch Micha mit im Haus, ebenso wie Oli, wenn er nicht gerade bei einer seiner zahlreichen Liebschaften übernachtete. Kati und Rike hatten nicht viel mitgebracht, zwei Koffern und einigen Taschen. Möbel und andere lieb gewordene Gegenstände würden sie, wenn sie sich hier eingelebt hatten, nachkommen lassen. Doch Rike war schon auf dem ersten Blick klar, dass sie nicht viel verändern würde. Das alte, aber bequeme Bauernbett, die Waschtischkommode und der große Massivholzschrank füllten das Zimmer beinahe ganz aus. Eine kleine Couch und ein Tisch würden noch Platz finden.   

  Am Nachmittag ging sie in den Stall um sich die Apfelschimmelstute Fabienne für einen Proberitt zu satteln, während Kati und Micha den Mutterstuten einen Besuch abstatteten.

Rike betrat mit Bürste und Striegel bewaffnet die Box der nervösen Stute und schloss erst mal Freundschaft mit ihr. Oli kümmerte sich um seinen Texaner und beobachtete die neue Kollegin argwöhnisch. Er sattelte sich den Hengst und zog mit ihm provokativ an Rike und Fabienne vorbei. Rike schüttelte den Kopf. Sie sattelte Fabienne und führte sie zum Außenreitplatz, wo auch Oli anzutreffen war. Der Hengst war heute ebenso übelgelaunt wie sein Reiter, beide kämpften miteinander bis der Schweiß ran. Fabienne tänzelte nervös. Die neue Reiterin, der wild bockende Stallkollege, all das zehrte an ihrem ohnehin zarten Nervenkostüm.

Jäcky beobachtete die Scene vom Küchenfenster aus.

„Jetzt muss er aber auch ausgerechnet auf dem Platz reiten. Sonst geht er doch auch sofort ins Gelände“

„Hm, was?“ Harm schaute gedankenversunken von seiner Zeitung auf.

„Oli. Er muss Rike unbedingt zeigen, was für ein toller Hecht er ist.“

Harm rollte ans Fenster und erkannte die Situation. Ohne ein weiteres Wort wendete er seinen Rollstuhl und fuhr aus der Küche. Jäcky schaute gespannt weiter aus dem Fenster. Harm rollte in Richtung Reitplatz, rief dabei etwas quer über den Hof.

„Na, wenn das man nicht noch Schwierigkeiten gibt.“ seufzte Jäcky und wandte sich wieder ihrem Abwasch zu.

 

„Oli, reite den verrückten Kerl doch am Strand. Da kann er sich mal richtig austoben. Hier drin das ist viel zu eng. Er braucht die Weite.“ Harm versuchte so diplomatisch wie möglich vor zu gehen, um Oli nicht noch mehr zu verärgern. Ihm entging keineswegs, dass der Freund in der neuen Kollegin eine Rivalin sah.

„Wenn er sich im Wasser mal richtig austobt, hast du erst mal wieder für ein paar Tage Ruhe.“  fügte er noch hinzu. Oli nickte wieder erwartend zustimmend.

„Hast wohl recht. Bis später.“ Mit einer gelungen Wendung aal John Wayne jagte er vom Hof. Rike hielt kopfschüttelnd am Zaun vor Harm.

„Reitet er immer so?“

„Naja, er hat halt nicht viel übrig, für feinfühlige Arbeit. Er will Vielseitigkeitsreiter werden.“

 

„Dressur ist die Grundlage aller Reitstiele. Auch fürs Westernreiten. Vielleicht sollte ihm das Mal einer sagen.“ bemerkte Rike spitz, nahm die Zügel auf und begann  Fabienne abzureiten Sie hatte dabei ihren eigenen Stil, wusste dass dieser nicht üblich war und schon oft Anlass zu Kritik gegeben hatte. Viele nannten dieses Schreiten am langen Zügel ein zielloses Dahin schlurfen. Doch Rike sah das anders. Für sie mussten die Pferde erst mal locker im Rücken werden. War das erreicht konnte mit der Arbeit angefangen werden. Als sie spürte, dass Fabienne tief mit den Hinterbeinen untertrat, begann sie mit der eigentlichen Aufgabe. Da sie nicht genau wusste, wie weit die Stute ausgebildet war, probierte sie einfach. Bis zur Klasse M ging alles wunderbar. Die Stute hatte eine solide Grundausbildung, die ersten Schritte zur hohen Schule der Dressur waren schon begonnen worden. Mutig übte Rike weiter und Fabienne schien auch Spaß an der Arbeit zu haben. Reiner beobachtete sie kritisch, bemerkte daher nicht dass sich Jäcky zu ihm gesellt hatte und zuschaute.

„Sie hat eine ganz andere Art zu reiten als Oli“ stellte sie überrascht fest.

Gedankenverloren schaute Harm auf, nickte dann zustimmend: „Ja allerdings. Schau mal, das ist die zweite Hinterhandwendung die die beiden hinbekommen.“

„Und?“

„Fabienne hat sie noch nie gemacht.“

„Ach!“

Nach einer halben Stunde intensiver Arbeit kam Rike zum Zaun geritten.

„Gibt es eine Möglichkeit die Stute außerhalb des Vierecks trocken zu reiten?“ 

„Hinter dem Teich führt ein alter Trampelpfad zu dem Wald dort drüben. Er gehört zum Grundstück, du bist dort ungestört.“ erklärte Harm und deutete mit der Hand in beschriebene Richtung. Rike nickte nur kurz  und ritt davon.

„Ein nettes Mädchen.“ Jäcky schaute Pferd und Reiterin nach.

„Bist du zufrieden mit meiner Wahl?“ Harm wendete seinen Rollstuhl und fuhr Richtung Haus.

„Doch ja. Der erste Eindruck ist sehr gut. Allerdings sind sie nicht sehr redselig. Ich frage mich, warum sie ausgerechnet auf dieses Fleckchen Erde gekommen sind. Bei den Voraussetzungen hätten die beiden sicherlich auch andere Stellen bekommen können.“ antwortete Jäcky.

„Du hast recht. Glück für uns. Rike hat sich ihr silbernes Reiterabzeichen zu Recht erworben. Nun lass sie erst mal einige Wochen auf dem Hof sein. Dann tauen sie schon auf, die beiden. Du wirst sehen.“

Kapitel 3

 

Ein Unfall geschieht und die Freundinnen

müssen sich bewähren.

 

Nach den ersten Wochen fühlten sich die beiden Freundinnen auf dem Hof heimisch. Auch wenn Oli nach wie vor Rike gegenüber voreingenommen war und dies auch deutlich zeigt. Allmählich wurden sie mit dem Betrieb vertraut. Der Reiterhof Harmsdorf arbeitete mit einigen Hotels und Pensionen in der näheren Umgebung zusammen. Ein großes Sporthotel ganz in der Nähe war der größte Geschäftspartner. Neben Golf, Kitesurfen und Segeln bot es auch Reiten an. Da sich das Hotel keine eigenen Pferde halten wollte, wurde die Gäste zum Reiterhof Harmsdorf gebracht. Dass der Hotelchef des Sporthotels ein Freund von Harm  war, war allgemein bekannt. Auch Micha und Oli schienen nicht nur Angestellte, sondern vielmehr Freunde von Harm zu sein. Trotz eines gewissen Altersunterschiedes kannten sie sich schon viele Jahre.

  Täglich fanden zwei Ausritte zu je zwei Stunden statt, zwischendurch Reitstunden in der Gruppe oder, bei gut betuchten Gästen, auch einzeln. Rike oder Oli übernahmen jeweils die Ausritte sowie Unterrichtsstunden, während Micha und Kati alle Händevoll mit den Mutterstuten zu tun hatte. Noch war die Abfohlsaison nicht vorbei und jede Woche kamen Fohlen dazu. Außerdem musste die 15 Zuchtstuten wieder neu gedeckt werden und so wälzten Micha und Kati entsprechende Lektüre. Der Tierarzt kam beinahe jeden Tag um die Zuchtstuten zu untersuchen. Die Zucht war neben dem Reitbetrieb die Haupteinnahmequelle. Harm bestand auf Qualität statt Quantität. Der Stutenstamm, den er sich aufgebaut hatte, konnte sich sehen lassen und Kati machte die Arbeit sichtlich Spaß.

 

Rike hingegen genoss die Ausritte über die Insel, bei denen sie anfangs noch  von Oli begleitet wurde. Doch schon bald kannte auch sie die Reitwege der Insel wie ihre Westentasche, lernten so die Insel kennen und lieben. Fehmarn ist mit 185 qkm die größte schleswig-holsteinische Insel. Die 78 km Küstenlinie kann man bequem an einem Tag mit dem Fahrrad fahren, schließlich ist die höchste Erhebung nur 29 m hoch. Rike gefiel es, über die weite Wasserflächen sehen zu können, ohne störende Häuser und Fabrikgebäude, wie in Bochum. Bei gutem Wetter konnte man von Puttgarden aus bis nach Rodby - Faerge sehen oder vom Fehmarnsund rüber aufs Festland.

  Neben den Ausritten arbeitete Rike nun auch regelmäßig mit den Turnierpferde Fabienne und Ramon. Darüber war Oli überhaupt nicht begeistert. Bisher hatte er die Turnierpferde geritten und fühlte sich nun zurückgesetzt. Seinen Unmut darüber ließ er natürlich an Rike aus. Harm und Jäcky beobachteten die Situation und schließlich griff Harm ein. In einer stillen Stunde zog er Oli beiseite.

„Was hast du gegen das Mädchen?“

„Ich? Gar nichts“

„Also hör mal Noch offensichtlicher wie du kann man Abneigung überhaupt nicht zeigen. Du hast mir selber gesagt, dass die Dressur dir nicht liegt. Warum also nun dieses Verhalten?“

Oli winkte verärgert ab. „Soll sie die Dressurpferde reiten. Aber an den Texaner lass  ich sie nicht ran. Der ist mein Part.“

„Das ist völlig klar. So war es abgemacht. Rike hat eine ganz andere Reitweise wie wir sie kennen. Sie überzeugt mich und Fabienne anscheinend auch. Die Stute läuft auf jeden Fall besser.“ stellte Harm klar.

Oli nickte zustimmend.

„Stimmt schon. Mag ja sein, dass meine Art der Stute nicht passte. Warten wir es ab. Aber sie benimmt sich mir gegenüber auch nicht gerade freundlich.“

Harm schaute irritiert auf. „Warum?“

„Naja, ich meine so’ ne junge Frau. Irgendwie ist sie so abweisend. Man kommt gar nicht an sie ran, selbst wenn man wollte.“

 

Zur gleichen Zeit saß Rike bei Jäcky in der Küche und genoss eine kurze Pause.

„Und, wie gefällt es euch hier auf der Insel? Nun sind ja ein paar Wochen vergangen mit viel Arbeit und Stress.“ fragte Jäcky, während sie sich und Rike einen Kaffee eingoss.

Rike lächelte und antwortete dann: „Es ist herrlich hier. Die Weite, die Ostsee, einfach alles.“„Kein Heimweh?“

Rike überlegte einen Augenblick. „Nein!“ antwortete sie dann überzeugt, räumte dann jedoch ein: „Man denkt natürlich darüber nach, was man zurückgelassen hat.“

„Die Familie?“ forschte Jäcky vorsichtig weiter.                                                                     

Rikes Gesichtszüge wurden augenblicklich undurchdringlich und sie antwortete knapp: „Ich habe keine Familie mehr.“

Jäcky zog es vor, nicht weiter zu fragen, zumal Rikes kurze Pause um war. Sie stand auf und verließ die Küche.

    

 

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